„Was kann ich heute für Dich tun?“ – vielleicht ist genau das die falsche Frage

Es gibt Fragen, die schleichen sich irgendwann so selbstverständlich in unseren beruflichen Alltag ein, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, was wir damit eigentlich sagen.

Eine davon ist für mich die Frage:

„Was kann ich heute für Dich tun?“

Klingt freundlich, zugewandt und hilfsbereit. Also eigentlich genau so, wie man sich einen guten Therapeuten vorstellt.

Und trotzdem denke ich inzwischen: Vielleicht ist genau das die falsche Frage.

Noch ein bisschen schwieriger finde ich übrigens die Variante: „Was darf ich heute für Dich tun?“ Da zuckt bei mir innerlich schon etwas stärker, weil in diesem kleinen Satz für mein Empfinden ziemlich viel therapeutisches Selbstverständnis steckt.

Wer handelt hier eigentlich?

Denn wer ist in diesem Satz eigentlich derjenige, der handelt?

Der Therapeut.

Der Patient kommt mit einem Problem, und ich tue etwas für ihn. Ich weiß, ich behandle, ich löse, ich verbessere – und im Idealfall geht es ihm danach besser.

Das ist natürlich zugespitzt formuliert. Aber ich glaube, genau an dieser Stelle lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Denn gleichzeitig sprechen wir im Gesundheitsbereich ständig davon, dass Menschen mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen sollen, dass wir Gesundheitskompetenz fördern und Menschen dazu befähigen wollen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.

Nur: Das passt für mich nicht besonders gut zu einer Haltung, in der der Therapeut der Handelnde und der Patient vor allem der Empfänger der Handlung ist.

Eigenverantwortung beginnt mit einer anderen Frage

Eigenverantwortung beginnt nämlich nicht erst bei Ernährung, Bewegung, Medikamenten oder der Frage, ob jemand endlich das tut, was wir ihm seit drei Monaten empfehlen. Sie beginnt viel früher. Sie beginnt bei der Frage:

Was willst Du eigentlich verändern?

Wenn ich diese Frage in meiner Praxis stelle, entsteht gar nicht so selten erst einmal eine kleine Irritation. Man merkt regelrecht, wie im Kopf kurz etwas ins Stocken gerät.

Wie – verändern?

Geht es nicht zunächst darum, ausführlich zu erzählen, was gerade alles nicht funktioniert?

Und natürlich gehört das dazu. Ich möchte wissen, was weh tut, was sich verändert hat, was belastet, welche Diagnosen vorliegen, was bereits versucht wurde und was vielleicht auch schon seit Jahren nicht funktioniert. Das ist selbstverständlich Teil einer guten Anamnese und einer guten therapeutischen Arbeit.

Aber irgendwann interessiert mich eben auch eine andere Frage: Wie soll es denn stattdessen sein?

Im Coaching oder Mentoring formuliere ich das manchmal noch etwas direkter und frage schlicht:

„Wie hättest Du es gerne?“

Auch darauf folgt gelegentlich dieser leicht irritierte Blick, als hätte ich gerade nach etwas gefragt, das man sich im Zusammenhang mit Gesundheit gar nicht erlauben darf.

Dabei finde ich genau diese Frage ungeheuer wichtig.

Denn wenn wir nicht wissen, wohin ein Mensch eigentlich möchte, können wir therapeutisch eine ganze Menge veranstalten und trotzdem am Wesentlichen vorbeiarbeiten. Wir können Symptome behandeln, Werte verbessern, Spannungen lösen, Regulationsprozesse unterstützen und uns fachlich ganz wunderbar beschäftigen – und am Ende hat vielleicht niemand gefragt, welche Veränderung für diesen Menschen überhaupt wichtig gewesen wäre.

Unser therapeutisches Ego hilft mit

Genau an dieser Stelle kommt für mich auch unser therapeutisches Ego ins Spiel.

Das meine ich gar nicht böse, sondern durchaus selbstkritisch. Wir Therapeuten helfen gern. Das ist schließlich einer der Gründe, warum viele von uns diesen Beruf gewählt haben. Wir haben gelernt, Erfahrungen gesammelt, Methoden entwickelt und möchten natürlich etwas bewirken.

Und ja, es tut auch gut, gebraucht zu werden.

Es tut gut, wenn jemand sagt: „Du hast mir geholfen.“

Schwierig wird es aus meiner Sicht erst dann, wenn aus diesem Helfen unbemerkt die Idee entsteht, wir könnten einen anderen Menschen gesund machen.

„Ich mache Dich gesund.“ Wirklich?

Schon dieses Wort finde ich bemerkenswert.

„Ich mache Dich gesund.“

Wirklich?

Das ist schon eine ziemlich große Nummer.

Natürlich kann ich als Therapeutin viel beitragen. Ich kann zuhören, untersuchen, Zusammenhänge erkennen und erklären. Ich kann Wissen zur Verfügung stellen, Impulse geben, Möglichkeiten aufzeigen und behandeln. Vielleicht finde ich einen entscheidenden Zusammenhang, den mein Gegenüber bislang nicht gesehen hat. Vielleicht verändert eine Behandlung tatsächlich sehr viel.

Aber ich kann mich nicht an die Stelle dieses Menschen setzen.

Ich kann nicht für ihn entscheiden, was er verändern möchte, welche Konsequenzen er bereit ist zu tragen oder welchen Weg er gehen will. Und ich kann ihm auch die Verantwortung für sein eigenes Leben nicht abnehmen – selbst dann nicht, wenn ich manchmal ziemlich genau zu wissen glaube, was an seiner Stelle doch nun wirklich vernünftig wäre.

Eigenverantwortung gilt auch dann, wenn mir die Entscheidung nicht gefällt

Das ist wahrscheinlich eine der anspruchsvollsten Stellen in therapeutischer Arbeit.

Denn Eigenverantwortung bedeutet eben nicht nur, dass Menschen Verantwortung übernehmen sollen, wenn uns ihre Entscheidungen gefallen.

Eigenverantwortung bedeutet auch, auszuhalten, dass jemand möglicherweise anders entscheidet, als ich es tun würde.

Sonst ist es keine Eigenverantwortung, sondern eher: Du darfst selbstverständlich selbst entscheiden – solange Du Dich bitte für meine Lösung entscheidest.

Das ist ungefähr so frei wie die Wahl zwischen Kaffee und Kaffee.

Verantwortung tragen, ohne sie dem anderen abzunehmen

Genau deshalb mag ich die Frage „Was möchtest Du verändern?“ so sehr. Sie verschiebt etwas in der therapeutischen Beziehung, ohne dass ich mich aus meiner Verantwortung verabschiede.

Denn natürlich trage ich als Therapeutin Verantwortung. Für meine Diagnostik, für meine Behandlung, für meine Empfehlungen, für eine verständliche Aufklärung und dafür, meine fachlichen und rechtlichen Grenzen zu kennen.

Aber das ist etwas anderes, als die Verantwortung für die Gesundheit eines anderen Menschen zu übernehmen.

Die kann ich nicht übernehmen. Und ich glaube auch, dass ich es nicht sollte.

Von der Versorgung zur Gesundheitskompetenz

Für mich ist das einer der entscheidenden Unterschiede zwischen einer Haltung, die Menschen versorgt, und einer Haltung, die Menschen in ihrer Gesundheitskompetenz stärkt.

Ich bringe mein Wissen, meine Erfahrung und meine therapeutischen Möglichkeiten mit. Mein Gegenüber bringt sein Leben, seine Erfahrungen, seine Werte, seine Grenzen und seine Vorstellung davon mit, wie es ihm eigentlich gehen soll.

Und dann können wir gemeinsam schauen: Was ist los? Was könnte dahinterstecken? Welche Möglichkeiten gibt es? Und welche davon passen tatsächlich zu diesem Menschen?

Das ist für mich keine schwächere Form von Therapie. Ganz im Gegenteil.

Ich halte es für eine wesentlich anspruchsvollere Form von therapeutischer Arbeit, weil ich nicht einfach nur Lösungen anbiete, sondern meinen Gegenüber als Handelnden ernst nehme.

Sprache verrät unser therapeutisches Selbstverständnis

Vielleicht lohnt es sich deshalb tatsächlich, unsere scheinbar harmlosen Einstiegsfragen ein bisschen genauer anzuschauen.

Nicht, weil ein einzelner Satz automatisch entscheidet, ob jemand ein guter oder schlechter Therapeut ist. Aber Sprache verrät erstaunlich viel darüber, welches Bild wir von unserer eigenen Rolle und von unserem Gegenüber haben.

Sehe ich einen Menschen, dessen Problem ich lösen soll?

Oder sehe ich einen Menschen, der etwas verändern möchte und mich deshalb um meine fachliche Unterstützung bittet?

Für mich ist das inzwischen ein erheblicher Unterschied.

Eine neue Kultur von Gesundheit beginnt manchmal mit einer Frage

Und vielleicht beginnt eine neue Kultur von Gesundheit manchmal viel unspektakulärer, als wir denken.

Nicht mit der nächsten großen Methode, nicht mit noch mehr Wissen und auch nicht mit einem weiteren Konzept darüber, wie Menschen endlich gesünder leben sollen.

Vielleicht beginnt sie manchmal einfach mit einer anderen Frage:

„Was möchtest Du heute verändern?“

Oder, wenn ich es etwas direkter formulieren möchte:

„Wie hättest Du es gerne?“

Denn bevor wir darüber sprechen, was wir therapeutisch tun können, sollten wir vielleicht erst einmal wissen, wohin der andere Mensch überhaupt möchte.

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