
Manchmal entstehen Gedanken nicht dann, wenn man über ein Thema nachdenkt, sondern ganz nebenbei – mitten in einem Gespräch.
So war es vor Kurzem in einem Coaching zum Praxisaufbau. Meine Coachee hatte ihren Vater verloren und erzählte mir, dass ihr gerade eine Erkenntnis sehr bewusst geworden sei, mit der sie nun irgendwie umgehen müsse:
Nun kein Elternhaus mehr zu haben.
Und sie meinte damit natürlich nicht das Haus.
Sie meinte dieses Gefühl, das hinter dem Wort „Elternhaus“ steckt. Dieses Wissen, dass da noch jemand ist, der zu unserem Ursprung gehört. Jemand, der vor uns da war. Vielleicht auch ein Ort in unserem Leben, an dem wir – egal wie alt wir inzwischen sind – immer noch Tochter oder Sohn sind.
Und ich antwortete ihr aus einem Impuls heraus:
Du hast immer ein Elternhaus.
Du bist Dein Elternhaus.
Denn egal, wo Du bist, egal, was Du tust und auch egal, wie Du zu Deinen Eltern stehst oder gestanden hast: Du trägst sie immer bei Dir.
Mehr noch: Du trägst sie in Dir.
Dein ganzes Leben lang.
Ein Elternhaus ist eben viel mehr als ein Haus
Wenn wir von unserem Elternhaus sprechen, meinen wir selten nur ein Gebäude.
Natürlich können wir mit einem Haus Erinnerungen verbinden. Ein bestimmtes Zimmer, einen Geruch, einen Garten, den Küchentisch oder irgendeine Ecke, die sich unauslöschlich in unser Gedächtnis eingeprägt hat.
Aber das eigentliche Elternhaus ist etwas anderes.
Es ist Herkunft.
Es ist das Gefühl, irgendwo herzukommen.
Und vielleicht ist es auch das Wissen, dass da noch eine Generation vor uns steht.
Das muss übrigens überhaupt nichts mit einer perfekten Kindheit oder einer besonders innigen Beziehung zu den Eltern zu tun haben. Beziehungen zu Eltern können liebevoll sein, schwierig, distanziert, widersprüchlich oder alles gleichzeitig.
Trotzdem bleiben sie Teil unserer Geschichte.
Und wenn ein Elternteil stirbt – vielleicht besonders dann, wenn der letzte Elternteil geht –, verändert sich manchmal mehr als nur die Tatsache, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da ist.
Die eigene Position im Leben verändert sich.
Plötzlich steht niemand mehr vor uns.
Wir selbst sind eine Generation weitergerückt.
Und ich glaube, dass genau dieses Gefühl viele Menschen kennen, auch wenn sie es vielleicht nie so benannt haben.
Manche gut gemeinten Sätze helfen mir persönlich nicht besonders
Wenn jemand einen geliebten Menschen nach vielen, vielen Jahren verliert, hört man häufig Sätze wie:
„Sei dankbar, dass Du ihn so lange hattest.“
„Ihr hattet doch so viele gemeinsame Jahre.“
„Was habt Ihr alles zusammen erlebt.“
Und natürlich stimmt das alles.
Es ist ein Geschenk, wenn wir einen Lieblings-Menschen lange an unserer Seite haben dürfen. Gemeinsame Erinnerungen sind kostbar und Dankbarkeit kann etwas sehr Schönes sein.
Nur: Sie macht den Verlust nicht kleiner.
Vielleicht reagiere ich darauf auch deshalb empfindlich, weil ich selbst eine ganz andere Erfahrung gemacht habe. Meine wichtigste Bezugsperson starb, als ich zwölf Jahre alt war.
Ich hätte alles dafür gegeben, ihn noch länger an meiner Seite zu haben.
Und trotzdem würde ich niemals zu jemandem sagen: „Du hattest Deinen Vater doch 80 Jahre, sei dankbar.“
Denn Liebe funktioniert nicht so.
Es gibt keine Anzahl gemeinsamer Jahre, ab der der Verlust eines Menschen weniger wehtun müsste.
Es gibt für Liebe keine Lebenszeit, nach der ein Verlust angemessen sein müsste.
Zwölf Jahre können zu kurz sein.
Achtzig Jahre können sich ebenfalls zu kurz anfühlen.
Denn am Ende fehlt nicht eine bestimmte Anzahl von Jahren.
Es fehlt ein Mensch.
Und trotzdem ist er nicht einfach weg
Bei all dem gibt es einen Gedanken, den ich sehr tröstlich finde.
Unsere Eltern können sterben.
Unsere Herkunft verschwindet deshalb nicht.
Wir tragen unsere Eltern weiter mit uns.
Manchmal sieht man es sogar.
In einem Gesichtsausdruck. Einer Bewegung. Der Art, wie jemand lacht. Einer bestimmten Formulierung.
Und manchmal erwischen wir uns selbst bei etwas und denken plötzlich:
Oh Himmel. Genau das hat meine Mutter immer gemacht.
Oder:
Das war jetzt gerade hundertprozentig mein Vater.
Aber natürlich geht es noch viel tiefer.
Wir tragen unsere Eltern in unseren Prägungen, in unseren Überzeugungen, in bestimmten Ängsten und Verhaltensweisen, in unseren Stärken und manchmal auch in Dingen, die wir mühsam verändern müssen.
Und ja – wir tragen sie auch körperlich in uns.
Du bist das Zuhause der DNA Deines Vaters und das Zuhause der DNA Deiner Mutter.
In jeder Deiner Zellen steckt Deine Herkunft.
Ich finde diesen Gedanken unglaublich schön.
Nicht als irgendeinen Trostsatz im Sinne von „Er lebt doch in Dir weiter“, mit dem man Trauer möglichst schnell etwas hübscher machen möchte.
Sondern ganz nüchtern und gleichzeitig sehr tief:
Ohne diese beiden Menschen gäbe es Dich nicht.
Sie sind Teil Deiner Geschichte.
Und sie bleiben es.
Vielleicht werden wir irgendwann selbst zu unserem Elternhaus
Je länger ich über den Satz „Du bist Dein Elternhaus“ nachdenke, desto mehr steckt für mich darin.
Denn irgendwann passiert etwas Spannendes.
Wir kommen aus einem Elternhaus.
Dann bauen wir uns unser eigenes Leben auf.
Und irgendwann sind vielleicht die Menschen, die einmal unser Elternhaus waren, nicht mehr da.
Aber damit verschwindet unsere Geschichte ja nicht.
Vielleicht werden wir irgendwann selbst zum Haus dieser Geschichte.
Und ich mag dieses Bild sehr.
Denn ein Haus ist nichts Starres.
Man kann Räume verändern.
Man kann renovieren.
Man kann Dinge behalten, weil sie schön sind und uns gut tun.
Andere Dinge sortiert man irgendwann aus.
Manche Türen lässt man offen.
Andere schließt man.
Und genauso ist es vielleicht auch mit unserer Herkunft.
Wir müssen nicht alles weitertragen, nur weil es zu unserer Familie gehört.
Wir dürfen das behalten, was uns trägt.
Wir dürfen verändern, was uns einschränkt.
Wir dürfen verstehen, was vielleicht lange wehgetan hat.
Und wir dürfen irgendwann auch sagen: Diese Geschichte gehört zwar zu mir – aber ich werde sie nicht weiterführen.
Unsere Eltern sind ein Teil von uns.
Aber sie sind nicht alles, was wir sind.
Vielleicht verändert das Elternhaus irgendwann einfach seinen Ort
Wenn die Eltern nicht mehr da sind, gibt es vielleicht tatsächlich irgendwann keinen Ort mehr, an den wir fahren und sagen können:
Ich fahre nach Hause zu meinen Eltern.
Keinen Menschen mehr, der uns noch aus einer Zeit kennt, an die wir selbst uns kaum erinnern.
Niemanden mehr, für den wir ganz selbstverständlich immer das Kind bleiben.
Das ist ein Verlust.
Und den muss man auch nicht schönreden.
Aber vielleicht darf neben diesem Verlust irgendwann ein anderer Gedanke stehen:
Mein Elternhaus ist nicht verschwunden.
Es hat nur seine Form verändert.
Ich trage meine Herkunft mit mir.
In meinen Erinnerungen.
In meinem Körper.
In meiner Art zu denken und zu fühlen.
In den Dingen, die ich übernommen habe.
In denen, die ich verändert habe.
Und in all dem, was ich aus meinem Leben noch machen werde.
Vielleicht verlassen wir unser Elternhaus deshalb tatsächlich nie ganz.
Vielleicht zieht es irgendwann einfach von außen nach innen.
Du bist Dein Elternhaus.
